Alarmierender IPCC-Sonderbericht zum Klimawandel: Sofortiges Handeln erforderlich!

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Alarmierender IPCC-Sonderbericht zum Klimawandel: Sofortiges Handeln erforderlich!

Alarmierender IPCC-Sonderbericht zum Klimawandel: Sofortiges Handeln erforderlich!

Dietmar Mirkes, ASTM / Klima-Bündnis Lëtzebuerg Klima-Bündnis Lëtzebuerg 2012 10 Oktober 2018

Am 8. Oktober 2018  präsentierte der Weltklimarat (im Englischen “International Panel on Climate Change”, kurz IPCC) in Korea seinen Sonderbericht zur globalen Erwärmung. Die Erderwärmung erfolgt schneller und mit schwereren Folgen als bisher angenommen. Dieser Bericht ist die wichtigste gegenwärtige wissenschaftliche Bewertung des Klimawandels. Er ist eine Grundlage für die UN-Klimaverhandlungen im Dezember im polnischen Katowice und die klimapolitischen Entscheidungen in den kommenden Jahren.

Im Abkommen auf dem Klimagipfel von Paris hatten die Staaten der Welt mit einer Zieldefinition von “deutlich unter 2°C oder 1,5° C” einen typischen diplomatischen Kompromiss zu Papier gebracht und dann den Weltklimarat beauftragt, herauszufinden, was denn der Unterschied zwischen einem Temperaturanstieg von +1,5° und +2° C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit sei. Der Sonderbericht des IPCC kommt nun mit einer Fülle von Fakten zum Schluss: Wir müssen den Anstieg unter 1,5° C halten! Diese Begrenzung ist möglich, notwendig und dringend!

Der eigentliche Bericht wird von einem „Summary for Policy Makers“ begleitet, also einem “Resumé für politische Entscheider“.

Dieses Summary gliedert sich in vier Teile:

A) Die globale Erwärmung auf +1,5° C verstehen,

B) Die möglichen Auswirkungen und Risiken bei +1,5°C und bei +2°C,

C) Emissionspfade und mögliche Übergänge zu einer Erwärmung von +1,5°C,

D) Stärkung der globalen Gegenmaßnahmen im Zusammenspiel mit nachhaltiger Entwicklung und Armutsbekämpfung.

 

Das 34seitige Résumé ist hier vom Englischen frei ins Deutsche übersetzt und noch einmal in seinen wesentlichen Aussagen zusammengefasst:

 

A) Die globale Erwärmung auf +1,5° C verstehen

– Seit der industriellen Revolution (Durchschnitt der Jahre 1850-1900) ist die Temperatur bis heute im globalen Schnitt um ±1° C gestiegen. Was dies bedeutet, haben wir im vorigen und diesen Jahr überall auf der Welt durch die vermehrten und intensiveren Wirbelstürme, Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen erlebt. Die Temperatur steigt weiter um ± 0,2°C pro Jahrzehnt an, und damit nehmen auch diese Extreme weiter zu. In der Arktis steigen die Temperaturen sogar zwei- bis dreimal so stark.

– Die derzeitigen Treibhausgasemissionen und ihre von den Staaten geplanten Reduzierungen führen zu einer Überhitzung von ± 3° C.

B) Die möglichen Auswirkungen und Risiken bei +1,5°C und bei +2°C

Der Weltklimarat listet auf, was +2°C im Vergleich zu +1,5°C bedeutet:

* Der Meeresspiegel steigt weiter an (bisher um ± 8 cm)  und wird in 2100 noch um 10 cm höher  sein als bei +1,5°C, mit all seinen Folgen für bis zu 10 Millionen Menschen auf flachen Inseln, Deltas und Küstenstreifen. Die Korallenriffe werde so gut wie vollständig absterben,  bei +1,5°C “nur” um ± 80%,; die Versäuerung der Ozeane mit ihren negative Folgen auf die marinen Lebensgemeinschaften wie Algen, Fische etc. wird stärker ansteigen; die Fangquoten werden doppelt so stark abnehmen.

*  Einige hunderte Millionen Menschen werden stärker von Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Stürmen getroffen sein. Gerade für arme Menschen in armen Ländern, Indigene, Bewohner flacher Inseln und von Trockengebieten ist dieser kleine Unterschied eine Frage von Leben oder Tod.

* Doppelt so viele Arten von Tieren und Pflanzen werden die Hälfte ihres Verbreitungsgebietes verlieren.

* Bei +2°C werden Kipppunkte überschritten, die Kettenreaktionen verursachen, die sich selbst verstärken – zum Beispiel das Schmelzen der Polkappe am Nordpol oder das Auftauen der sibirischen und nordamerikanischen Permafrostgebiete: Bei +2°C wird das Nordpolarmeer im Sommer einmal pro Jahrzehnt eisfrei sein und keine Sonnenenergie mehr reflektieren sondern sich weiter aufwärmen, bei +1,5°C nur einmal pro Jahrhundert. Bei +2°C  werden rd. 2 Mio. qkm Permafrostgebiete mehr auftauen, und das starke Treibhausgas Methan freisetzen.

* Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber werden sich weiter verbreiten; Hitze-inseln in Städten verstärken noch die Effekte von Hitzewellen.

* Die Erträge von Mais, Weizen und Reis werden stärker sinken; die Ernährungslage wird sich vor allem im Sahel, in Südafrika, der Mittelmeerregion, Mitteleuropa und Amazonien verschlechtern.

* Die stärksten negativen Auswirkungen auf das ökonomische Wachstum werden In tropischen und subtropischen Ländern in der Südhemisphäre sein, insbesondere auf die Versorgung mit Nahrung, Wasser und Energie.

* Die Maßnahmen, sich an den Klimawandel anzupassen, werden insbesondere für kleine Inselstaaten und die ärmsten Länder mit steigenden Temperaturen immer schwieriger und teurer.

* Bereits die derzeitige Erwärmung von ± 1°C zwingt Hunderttausende von Menschen, ihre Heimat – auf Inseln, in Überschwemmungs- oder Dürreregionen – vorübergehend oder dauernd zu verlassen. Bei einem Anstieg auf +1,5°C wird die Zahl der Klimaflüchtlinge zwar weiter steigen, aber viel weniger als bei +2°C.

* Bei +1,5°C werden deutlich weniger Menschen als bei +2°C ökonomische und kulturelle Schäden und Verluste an Menschenleben durch Klimakatastrophen erleiden, an die man sich nicht mehr anpassen kann (zum Beispiel untergehende Inseln).

C) Emissionspfade und mögliche Übergänge zu einer Erwärmung von +1,5°C

Es ist immer noch möglich, eine Überhitzung über 1,5°C zu verhindern! Dies setzt aber ab jetzt ein deutlich vergrößertes und vor allem koordiniertes Portfolio an Maßnahmen voraus. Business as usual war gestern – sofortiges Handeln ist notwendig! Dazu stellt der Weltklimarat vier mögliche Entwicklungspfade dar und listet mögliche Maßnahmen dazu auf:

– Die globalen Netto-CO2-Emissionen müssen bis 2030 um 45% im Vergleich zu 2010 sinken und bis 2050 auf Null! Für das +2°C-Ziel müssten sie bis 2030 um 20% und bis 2075 auf Null sinken.

– Die bisherigen CO2-Emissionen haben den Raum in der Atmosphäre für das 1,5°C-Ziel um ± 2200 Mrd. Tonnen CO2 verkleinert, so dass der verbleibende Raum nur noch ±500 Mrd. Tonnen CO2 beträgt, wenn wir eine Überhitzung über 1,5°C mit 66% Wahrscheinlichkeit vermeiden wollen. Allerdings reduziert sich das Restbudget durch unsere Emissionen derzeit jährlich um ± 42 Mrd. Tonnen. Unsicherheiten bestehen u.a. dadurch, wieviel Methan aus getauten Permafrostböden entweicht (bis zu 100 Gt CO2 ). Technische Lösungen wie das Abfangen der Sonnenstrahlung wurden in keinem Modell berücksichtigt, da sie viel zu unsicher sind.

* Der IPCC benennt in den unterschiedlichen Reduktionspfaden zum +1,5° C-Ziel auch die Möglichkeit, Kohlenstoff aus der Atmosphäre (CCS) und über Bioenergie (BECCS) zu speichern, wobei diese Möglichkeiten in großem Maßstab als begrenzt eingeschätzt werden. Zudem sind sie mit zahlreichen sozialen Kollateraleffekten und Unsicherheiten über die Dauerhaftigkeit der Speicherung verbunden.

* Auch die Nutzung von mehr Landflächen zur Speicherung von CO2 in Biomasse wird in Betracht gezogen. Allerdings setzt dies die Umwidmung riesiger Flächen voraus: Bis zu 8 Mio. qkm Weideland und 5 Mio. qkm Ackerland müssten in ± 13 Mio. qkm für Energiepflanzen und Wälder umgewandelt werden, was mit tiefgreifenden sozialen Umwälzungen verbunden wäre.

* Es müssen jährlich bis 2050 ± 2700 Mrd. US-$ für Investitionen in die Produktion von Energie gesteckt (bzw. teilweise umgeschichtet) werden sowie ± 850 Mrd. US-$ in die Nachfrageseite. Allerdings wurden die Reduktionskosten im Report nicht ausführlich untersucht, da zu viele Wissenslücken existieren.

D) Stärkung der Gegenmaßnahmen im Zusammenspiel mit globaler nachhaltiger Entwicklung und Armutsbekämpfung

Die Schätzung der Summe der Emissionen, die die Staaten unter dem Pariser Abkommen vorgelegt haben, führen zu jährlichen Emissionen um die 55 Gt CO2 eq in 2030 und damit zu einer Überhitzung um 3°C am Ende des Jahrhunderts. Um das +1,5°C-Ziel überhaupt erreichen zu können, müssen sie aber bis 2030 auf 35 Gt pro Jahr zurückgehen, das entspricht etwa einer Halbierung der aktuellen Emissionen. Je größer die Reduktionen jetzt, desto geringer werden die Kosten nach 2030 sein. Alles andere führt zu einer Eskalation der Kosten, ein Festhängen   in fossilen Infrastrukturen, verlorenen Wertanlagen, geringerer Flexibilität für spätere Handlungsoptionen und größerer Ungleichheit in den Folgen des Klimawandels zwischen reicheren und ärmeren Ländern. Wenn das +1,5°C-Ziel aber erreicht wird, werden die negativen Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung, die Bekämpfung der Armut und die Verringerung der globalen Ungleichheiten geringer.

* Der Klimawandel steht in direkter Verbindung zur nachhaltigen Entwicklung (den SDGs). Die Berücksichtigung von Kriterien für Moral und Gerechtigkeit kann helfen, die ungleiche Verteilung der negativen Folgen des Klimawandels, insbesondere für arme und benachteiligte Bevölkerungsgruppen in allen Ländern zu lindern. Dazu gehören bessere und gestärkte Regierungsführung ebenso wie technologische Erneuerung, Transfer von Finanzmitteln sowie Änderungen in Verhaltensweisen und Lebensstilen.

* Eine gut konzipierte Mischung von regionaltypischen, partizipativen und kohärenten Reduktions- und Anpasssungsmaßnahmen bringt Vorteile für eine nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung selbst bei einer Erwärmung auf +1,5°C mit sich. Sie sind am effizientesten, wenn lokale und regionale Entscheidungsträger von nationalen Regierungen unterstützt werden. Allerdings können sie sich auch gegenseitig beeinträchtigen, zB wenn Fläche für Bioenergie oder Aufforstung zum Nachteil von Nahrungsmitteln umgenutzt werden.

* Die Maßnahmen zum +1,5°C-Ziel schaffen solide Synergien mit vielen nachhaltigen Entwicklungszielen (den SDGs). Szenarien, die eine geringere Nachfrage nach Energie und Ressourcen beinhalten, haben die geringsten negativen Nebenwirkungen und reduzieren die Abhängigkeit davon, Kohlenstoff wieder aus der Atmosphäre einfangen zu müssen. Diese „Einfang-Modelle“ incl. BECCS bergen große Risiken mit sich, wenn sie nicht die Bedürfnisse der Bewohner, der Biodiversität etc. berücksichtigen.

* In Regionen mit hoher fossiler Abhängigkeit können Diversifizierungen der Wirtschaft und des Energiesektors die Herausforderungen zu mindern helfen. Der Report zeigt in einer interessanten Tabelle, wie Energieversorgung und –nachfrage sowie Landnutzung sich positiv und negativ auf 16 Nachhaltigkeitsziele (ohne SDG 13 Climate action) auswirken können.

* Öffentliche und private Finanzmittel müssen in Infrastrukturen zur Reduktion von Treibhausgasen und zur Anpassung an den Klimawandel investiert bzw. umgewidmet werden. Unter dem Vorbehalt großer Wissenslücken kann man zur Erreichung des +1,5°C-Ziels von einem jährlichen Investitionsbedarf in das Energiesystem in der Größenordnung von 2,4 Billionen US-$ von 2016 bis 2035 ausgehen; dies entspricht in etwa 2,5% des Welt-Bruttosozialprodukts.

* Bildung, Information und gemeinschaftliche Ansätze, einschließlich des Wissens von Indigenen und lokalen Gemeinschaften, können in weitem Umfang Verhaltensänderungen bewirken – vor allem, wenn sie maßgeschneidert und kombiniert mit anderen Politiken auf große öffentliche Akzeptanz treffen.

* Soziale Gerechtigkeit und Gleichheit sind Kernpunkte widerstandsfähiger Entwicklungspfade in Richtung +1,5°C. Umgekehrt zeigt die große Mehrheit der Szenarien, dass mangelhafte internationaler Kooperation, Ungleichheit und Armut den Weg dahin versperren.

* Die Stärkung der Fähigkeiten von nationalen und sub-nationalen Autoritäten, der Zivilgesellschaft, des privaten Sektors, von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften kann anspruchsvolle Aktionen in Richtung von +1,5°C fördern. Dabei kommt internationaler Kooperation eine Schlüsselrolle zur Stärkung von sich entwickelnden und verwundbaren Ländern zu.

 

Schlussbemerkung

Dieser Bericht ist alarmierend. Er zeigt, dass das +2°C-Ziel kein Ziel mehr sein kann, sondern nur noch das +1,5°C-Ziel übrig bleibt. Dies ist eine alte Forderung fast aller Entwicklungsländer und der globalen Zivilgesellschaft, die nun wissenschaftlich fundiert ist. Und dieses Ziel kann erreicht werden. Es bedeutet, dass die bisherigen Reduktionsziele der EU und Luxemburgs an die Realität angepasst werden müssen, und zwar so, wie sie CAN-Europe sowie VotumKlima und das Klima-Bündnis Lëtzebuerg (bei denen die ASTM Mitglied ist) in ihren Forderungen zur Wahl 2018 bereits festgehalten haben: bis 2030 eine Reduktion der Treibhausgase um mindestens 55%, um bis zur Jahrhundertmitte auf Null zu sinken und komplett durch Erneuerbare Energien ersetzt zu werden.

Erstaunlich und begrüßenswert ist, dass der Weltklimarat ein eigenes Kapitel den SDGs und der Armutsbekämpfung im globalen Maßstab widmet (in den meisten bisherigen Presseveröffentlichungen ging dies unter); so füllt er das Prinzip der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung“ mit Inhalten. Er zeigt, dass wir das Ziel nur durch grundlegende Veränderungen in unserem Wirtschaften und Verhalten erreichen können – und zwar ab sofort – und bestätigt die Richtigkeit und Notwendigkeit unserer politischen und Bildungsarbeit.

 

Dietmar Mirkes, ASTM / Klima-Bündnis Lëtzebuerg

 

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